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Fünf Fragen an ... Julia von Lindern

Seit 2006 rollt der Bus des Pilotprojekts „underdog“ im zweiwöchentlichen Rhythmus in die verschiedenen Stadtteile Düsseldorfs. In der mobilen Tierarztpraxis kümmern sich sieben Tierärzte ehrenamtlich um Hunde von Menschen, die ihren Lebensmittelpunkt auf der Straße haben. Begleitet werden sie von der Sozialarbeiterin und Streetworkerin Julia von Lindern. Sie stellt auf diesem Weg Kontakt zu den Menschen her, die vom staatlichen Hilfssystem oft nicht mehr erreicht werden können.

Heel: Frau von Lindern, wann war Ihnen klar, dass Sie sich für Wohnungslose und ihre Tiere engagieren möchten?
Julia von Lindern: Ich habe im Rahmen meines Studiums ein Praxissemester in einer Wohnungsloseneinrichtung absolviert. In dieser Zeit wurde das Projekt „underdog“ gerade gemeinsam mit der Organisation fiftyfifty (Asphalt e.V.) entwickelt. Das Konzept – über das Tier den Menschen erreichen ­– hat mich überzeugt. Ich dachte: Genau das möchte ich in meinem späteren Berufsleben machen! Und ich hatte riesiges Glück. Nach meinem Studium wurde eine Stelle frei und man hat mich gefragt.

Heel: Welche Bedeutung hat Ihre Arbeit für Wohnungslose in Düsseldorf?
Julia von Lindern: „underdog“ ist für diese Menschen enorm wichtig, weil sie sich um die Gesundheit ihrer Tiere sorgen, es aber an finanziellen Mitteln fehlt. In unserer mobilen Tierarztpraxis ist die medizinische Beratung und Grundversorgung kostenlos. Als Streetworkerin begleite ich die Sprechstunden, um über die Hunde den Kontakt zu den Wohnungslosen aufzubauen. Beispielsweise kläre ich gemeinsam mit dem Besitzer, ob der Hund angemeldet und gechipt ist. Meistens fassen sie dann genug Vertrauen, dass wir auch andere Probleme wie z. B. eine fehlende Krankenversicherung angehen können. Wichtig ist auch das Vermitteln von speziellen Hilfsangeboten für Wohnungslose mit Hund. Leider erfahren viele Tierbesitzer eine gewisse Ausgrenzung, da einige Einrichtungen, wie Notschlafstellen oder Drogenberatungsstellen, Tiere nicht erlauben.

Heel: Wie hoch ist der Anteil von Wohnungslosen, die einen oder mehrere Hunde haben?
Julia von Lindern: Es gibt keine validen Daten zur Zahl von Wohnungslosen in Deutschland, weil die statistische Erfassung sehr schwierig ist. Das fängt schon bei der Frage an, wie man Wohnungslosigkeit definiert: Zählt man nur die Menschen, die auf der Straße leben? Oder auch die, die keine Wohnung haben aber bei anderen mitwohnen? Das Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales in NRW schätzt, dass etwa 1.600 Wohnungslose in Düsseldorf leben. Wir gehen aber von einer höheren Dunkelziffer aus. Nach meiner bisherigen Erfahrung halten etwa 20 Prozent der Wohnungslosen einen Hund, obwohl er ein zusätzlicher Kostenfaktor ist. Der Hund leistet nicht nur Gesellschaft, er bietet vor allem auch Schutz auf der Straße. In der Düsseldorfer Altstadt kommt es schon vor, dass z. B. übermütige oder betrunkene Feiernde Wohnungslose anpöbeln oder schlimmstenfalls verprügeln.

Heel: Was macht Sie besonders stolz an diesem Projekt?
Julia von Lindern: Stolz bin ich, dass „underdog“ so gut ankommt. Bei der Sprechstunde sind die Tierbesitzer sehr geduldig und warten manchmal bis zu drei Stunden, wenn viel los ist! Das finde ich erstaunlich. Auf dem Amt läuft dagegen nicht immer alles so friedlich ab (lacht). Viele drogenabhängige Wohnungslose haben Beziehungsabbrüche erlebt und großes Misstrauen gegenüber Menschen entwickelt. Für sie kann ein Hund der stabilisierende Faktor im Leben sein. Das ist dann oft Motivation genug, sich der Therapie und Entgiftung stellen – und den Absprung zu schaffen­. Das berührt mich sehr.

Heel: Haben Sie selbst ein Haustier?
Julia von Lindern: Seit meinem 10. Lebensjahr begleitet mich immer ein Hund. Zurzeit habe ich eine agile Mischlingshündin, die sehr schlank ist und große fledermausartige Ohren hat. In meiner Funktion als Streetworkerin erleichert sie mir häufig den ersten Kontakt mit den Wohnungslosen. Der Kommentar „Oooch, ist die dünn!“ hat schon öfters als perfekter Gesprächseinstieg funktioniert.

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