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Übergewicht

Übergewicht ist heute eines der häufigsten Probleme bei Pferden. Etwa die Hälfte aller Pferde bringt zu viel auf die Waage, und bei fast 20 % sprechen Experten sogar von Fettleibigkeit.1 Trotzdem nehmen viele Pferdebesitzer das Problem nicht ernst genug – im Gegenteil, ein rundliches Pferd gilt oft noch als Zeichen für gute Pflege.

Was liebevoll als „gut im Futter stehend“ beschrieben wird, ist medizinisch gesehen bereits eine behandlungsbedürftige Erkrankung. Die Auswirkungen sind alles andere als harmlos: Übergewichtige Pferde leiden häufiger unter Hufrehe, Stoffwechselproblemen und Gelenkbeschwerden. Das schränkt nicht nur ihre Leistung ein, sondern kann sogar ihre Lebenszeit verkürzen.

Doch woran erkennst du, dass dein Pferd zu viel auf den Rippen hat? Welche Pferdetypen sind besonders gefährdet? Und wie kannst du deinem Pferd helfen, wieder ein gesundes Gewicht zu erreichen?

Wann ist ein Pferd übergewichtig?

Definition

Tierärztinnen und Tierärzte sprechen von Übergewicht, wenn das Körpergewicht deines Pferdes mehr als 10 % über dem Idealgewicht liegt. Bei einer Abweichung von mehr als 20 % spricht man bereits von Fettleibigkeit (Adipositas). Allerdings ist diese Definition für Pferdehalter*innen im Alltag schwierig anzuwenden, da das „ideale“ Körpergewicht je nach Rasse, Größe und Körperbau stark variiert.

Wenn keine Pferdewaage zum Stall kommt, dann kann der Body Condition Score (BCS) bei der Schätzung des Körperfett-Anteils beim Pferd helfen.

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Typische Anzeichen für Übergewicht beim Pferd

Symptome

Abgesehen vom Gewicht selbst gibt es verschiedene körperliche Merkmale und Verhaltensänderungen, die auf Übergewicht hindeuten können:

Fettpolster an charakteristischen Stellen

Am Mähnenkamm und Schweifansatz, hinter den Schulterblättern und an den Flanken bilden sich bei übergewichtigen Pferden deutlich sichtbare Fettpolster. Besonders auffällig ist der sogenannte „Speckkamm“ – eine Fettansammlung entlang des Nackens.


Fehlende Rippenkontur

Bei einem gesunden Pferd sollten die Rippen nicht sichtbar, aber leicht tastbar sein. Wenn du deine flache Hand seitlich auf den Brustkorb legst und mehr als leichten Druck ausüben musst, um die Rippen zu spüren, ist dies ein Hinweis auf zu viel Unterhautfett.


Schlechtes Wärmemanagement

Viele übergewichtige Pferde schwitzen schneller und stärker, selbst bei moderater Anstrengung oder Außentemperatur. Das Fett wirkt wie eine Isolierschicht und erschwert die Wärmeabgabe.


Eingeschränkte Leistungsfähigkeit

Mit zu viel Gewicht auf den Rippen ermüdet dein Pferd schneller, hat eine verringerte Ausdauer und erholt sich langsamer nach Belastung. In Bewegung kannst du wahrscheinlich eine schnellere und flachere Atmung beobachten.


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Warum Pferde besonders anfällig für Übergewicht sind

Ursachen

Als ehemalige Steppentiere haben Pferde evolutionär bedingt Mechanismen entwickelt, die sie in der heutigen Haltung besonders anfällig für Übergewicht machen:

Biologische Anpassung an „karges“ Futter

In der Steppe waren Pferde darauf ausgelegt, kontinuierlich nährstoffarmes, faserreiches Futter aufzunehmen und dabei große Distanzen zurückzulegen. Die meisten Gräser auf Pferdeweiden sind deutlich energiereicher und die Weiden bieten dem Pferd aufgrund der Größe deutlich weniger Bewegungsoptionen als eine Steppe.


Überfütterung und falsche Futtermittelwahl

Viele Pferdebesitzer*innen tendieren dazu, ihre Pferde über die Maßen zu versorgen. Hochenergetisches Kraftfutter, Leckerlis und Zusatzfuttermittel werden oft in zu großen Mengen gegeben.


Mangelnde Bewegung

Während Wildpferde täglich viele Kilometer zurücklegen, verbringen viele Freizeitpferde den Großteil des Tages in Box oder Paddock mit begrenzter Bewegungsmöglichkeit. Selbst regelmäßiges Reiten (3-4 Mal pro Woche für je eine Stunde) kompensiert diesen Bewegungsmangel nicht annähernd.


Prädisponierte Rassen und Typen

Einige Pferderassen und -typen neigen genetisch bedingt stärker zu Übergewicht. Hierzu zählen insbesondere robuste Ponyrassen wie Shetlandponys, Islandpferde, Haflinger, aber auch viele leichtfuttrige Pferderassen wie Lusitanos oder Welsh-Ponys. Diese Pferde waren an die karge Umgebung angepasst, was bei Überversorgung oder üppigen Weiden zum Nachteil wird.


Hormonelle und metabolische Faktoren

Eine metabolische Störung wie das Equine Metabolische Syndrom (EMS) kann Folge von Übergewicht sein. Betroffene Pferde leiden an einer Fehlregulation des Insulinspiegels bis zur Insulinresistenz, was mit schweren gesundheitlichen Risiken einhergeht.


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Gesundheitsrisiken durch Übergewicht

Übergewicht ist also nicht nur ein ästhetisches Problem, sondern eine ernstzunehmende Belastung für dein Pferd. Die überflüssigen Pfunde erhöhen das Risiko für schwerwiegende Erkrankungen:

Hufrehe (Laminitis)

Hufrehe ist die Erkrankung, die am häufigsten mit Übergewicht beim Pferd in Verbindung gebracht wird. Durch die äußerst schmerzhafte Entzündung der Huflederhaut kann das Hufbein absinken und rotieren, was zu einer dauerhaften Lahmheit durch die Schmerzen führen kann.


Equines Metabolisches Syndrom (EMS)

Übergewicht ist der Risikofaktor für EMS, der Stoffwechselstörung, die durch Insulinfehlregulation oder Insulinresistenz gekennzeichnet ist. Durch das übermäßig eingelagerte Fett entsteht die Insulinfehlregulation, was wiederum weitere Fetteinlagerungen fördert: Ein Teufelskreis entsteht. Bei EMS reicht meist eine Futterreduktion und Bewegung alleine nicht mehr aus, medizinische Unterstützung hilft, aus dem Teufelskreis herauszukommen.


Belastung des Bewegungsapparats

Jedes überflüssige Kilo belastet Gelenke, Sehnen und Bänder zusätzlich. Die Folge können chronische Lahmheiten, Arthrose sowie ein vorzeitiger Verschleiß des Bewegungsapparates sein.


Eingeschränkte Atemfunktion

Übergewichtige Tiere zeigen bereits in Ruhe häufig eine erhöhte Atemfrequenz und unter Belastung eine deutlich reduzierte Sauerstoffaufnahme.


Hitzestress und verminderte Leistungsfähigkeit

Fett wirkt als Isolierschicht und erschwert die Wärmeabgabe. Übergewichtige Pferde schwitzen daher schneller und stärker. Sie sind anfälliger für Hitzschlag und Erschöpfung, besonders in den Sommermonaten.


Fruchtbarkeitsstörungen

Bei Zuchtstuten kann erhebliches Übergewicht zu Zyklusstörungen führen und die Fruchtbarkeit beeinträchtigen. Bei Hengsten kann die Samenqualität negativ beeinflusst werden.


Verkürzte Lebenserwartung

Die Summe aller genannten Risiken kann zu einer reduzierten Lebenserwartung und einer eingeschränkten Lebensqualität führen.


Untersuchung und Diagnose

Diagnose

Hast du den Verdacht, dass dein Pferd zu viel auf den Rippen hat, sollte der erste Schritt immer ein Besuch deiner Tierärztin / deines Tierarztes sein. Eine fundierte Untersuchung gibt Aufschluss über dessen tatsächlichen Ernährungszustand und mögliche Begleiterkrankungen.

Zunächst wird deine Tierärztin / dein Tierarzt dein Pferd anhand des Body Condition Scores (BCS) beurteilen. Hierbei werden bestimmte Körperregionen wie Hals, Schulter, Rücken, Rippen, Kruppe und Schweifansatz systematisch bewertet. In vielen Fällen wird auch der sogenannte „Cresty Neck Score“ (CNS) bestimmt – ein Maß für die Fettansammlung am Mähnenkamm, die besonders bei EMS-gefährdeten Pferden stark ausgeprägt sein kann.

Bei Verdacht auf metabolische Störungen werden Blutuntersuchungen durchgeführt. Parameter wie Insulin, Glukose und verschiedene Blutfettwerte können Hinweise auf EMS geben. In manchen Fällen kann auch eine dynamische Untersuchung in Form eines kombinierten Glukose-Insulin-Tests sinnvoll sein, um eine Insulinresistenz genauer zu diagnostizieren.

Basierend auf den Untersuchungsergebnissen entwickelt deine Tierärztin / dein Tierarzt gemeinsam mit dir einen individuellen Diät- und Bewegungsplan. Dieser berücksichtigt nicht nur die Gewichtsreduktion, sondern auch mögliche Begleiterkrankungen, die individuelle Stoffwechselsituation sowie die Haltungsbedingungen deines Pferdes.

Besonders zu Beginn ist eine tierärztliche Begleitung wichtig, aber auch im Verlauf der Gewichtsreduktion. Regelmäßige Kontrolluntersuchungen helfen, den Fortschritt zu dokumentieren und den Plan bei Bedarf anzupassen.

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So hilfst du deinem Pferd beim Abnehmen

Behandlung

Die Behandlung von Übergewicht beim Pferd stützt sich auf drei zentrale Säulen: angepasste Fütterung, vermehrte Bewegung und konsequentes Gewichtsmanagement. Hier sind die wichtigsten Maßnahmen:

1. Fütterungsmanagement

Eine gezielte Diät ist der wichtigste Schritt zur Gewichtsreduktion. Hierbei gilt:

Raufutter kontrollieren: Limitiere die Heumenge auf 1,5 % des Idealgewichts pro Tag, verteilt auf mehrere kleine Portionen. Heunetze mit kleinen Maschen können helfen, die Fressgeschwindigkeit zu verlangsamen.

Kraftfutter reduzieren: Bei den meisten übergewichtigen Pferden empfiehlt es sich, komplett auf Kraftfutter zu verzichten. Ausnahmen sind ältere Pferde oder Tiere mit besonderen Nährstoffbedürfnissen.

Weidezugang einschränken: Klingt paradox, ist aber sinnvoll. Viele Weidegräser auf der Pferdeweide enthalten sehr viel Zucker und Energie. Durch Trockenheit in den letzten Jahren haben auf vielen Weideflächen nur die hitzeresistenten Gräser überlebt, dies sind oft die zuckerreichen. Nutze daher Weidezeitbeschränkungen oder eine „Fressbremse“, um die Grasaufnahme zu reduzieren.

Qualität statt Quantität: Verwende energie- und zuckerarmes Heu. Eine Heuanalyse kann helfen, die Qualität des Heues einzuschätzen.

Nährstoffe ergänzen: Trotz reduzierter Futtermenge sollte dein Pferd mit ausreichend Vitaminen, Mineralstoffen und Proteinen versorgt sein. Dazu gibt es spezielle Ergänzungsfuttermittel, zu denen du dich tierärztlich beraten lassen kannst.

2. Bewegungsmanagement

Mehr Bewegung fördert nicht nur den Energieverbrauch, sondern stärkt auch Muskeln und Stoffwechsel deines Vierbeiners:

Regelmäßiges, moderates Training: Tägliche, abwechslungsreiche Trainingseinheiten helfen beim Abnehmen und machen Vier- und Zweibeiner Spaß. Dazu zählen nicht nur Reiteinheiten, auch lange Spaziergänge, Boden- oder Freiarbeit fördern die Fettverbrennung. Beginne mit leichter Arbeit und steigere langsam Dauer und Intensität.

Bewegungsfördernde Haltung: Offenstall- oder Aktivstallhaltung mit intelligenter Futterverteilung und passender Gruppenzusammensetzung motiviert Pferde zu mehr Bewegung im Alltag.

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3. Langfristiges Gewichtsmanagement

Ein nachhaltiger Erfolg erfordert Konsequenz und Geduld:

Langsame Gewichtsreduktion: Ziel sollte eine Gewichtsabnahme von maximal 1 % des Körpergewichts pro Woche sein, denn eine zu schnelle Abnahme kann zu Stoffwechselproblemen führen.

Regelmäßige Kontrollen: Dokumentiere den Fortschritt am besten durch regelmäßiges Messen des Gewichts mit einer Pferdewaage.

Teamarbeit: Wichtig ist, dass alle Personen, die mit deinem Pferd zu tun haben, mitziehen. Informiere daher alle über den Diätplan.

Langfristige Umstellung: Eine erfolgreiche Gewichtsreduktion erfordert in den meisten Fällen eine dauerhafte Umstellung der Fütterung und Haltung, nicht nur eine temporäre „Diät“.

Gut zu wissen

Wenn du dein Pferd unterstützen möchtest, denke an die natürlichen Tierarzneimittel von Heel Vet.

Tipps zum Vermeiden von Übergewicht

Vorbeugung

Vorsorge ist immer besser als Nachsorge. Hier sind die wichtigsten Tipps, um Übergewicht bei deinem Pferd zu vermeiden:

Angepasste Fütterung nach Bedarf: Berücksichtige das Alter des Tieres, körperlichen Einsatz, individuelle Stoffwechsellage und Jahreszeit bei der Futtermenge. Reduziere gegebenenfalls die Ration bei Boxenruhe oder in trainingsfreien Zeiten.

Saisonale Weidestrategie: Beschränke den Weidezugang, wenn die Gräser besonders zuckerreich sind. Nutze ggf. einen Fressbremser oder ein „Paddock Paradise“-Konzept.

Leckerlis bewusst einsetzen: Gesunde ungesüßte Alternativen wie Apfelstückchen oder einzelne Möhrenscheiben nur in Maßen verwenden und in der Gesamtfutterration berücksichtigen.

Regelmäßige tierärztliche Checks: Lass dein Pferd mindestens einmal jährlich von deiner Tierärztin / deinem Tierarzt untersuchen, um Probleme frühzeitig zu erkennen.

Wissensaustausch mit Stallkollegen und -kolleginnen: Informiere alle Personen, die mit deinem Pferd zu tun haben, dass zusätzliche Futtergaben zu vermeiden sind.

Pferdegerechte Haltung: Ermögliche deinem Pferd möglichst naturnahe Haltungsbedingungen mit viel Bewegungsanreizen und sozialen Kontakten zu Artgenossen.

Achtung bei Risikopferden: Behalte bei prädisponierten Rassen und Typen oder Pferden mit EMS das Gewicht besonders sorgfältig im Auge.

Quellen anzeigen

1

Jansson et al. (2021): Increased body fat content in horses alters metabolic and physiological exercise response, decreases performance, and increases locomotion asymmetry. Physiological Reports, 9(11), e14824. https://doi.org/10.14814/phy2.14824

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