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Fünf Fragen an ...
Professor Martin S. Fischer

Professor Martin S. Fischer

Wer denkt, dass es auf dem Gebiet der Fortbewegung von Hunden keine neuen Erkenntnisse mehr geben könnte, irrt sich. Professor Martin Fischer, Inhaber des Lehrstuhls für Spezielle Zoologie und Evolutionsbiologie der Friedrich-Schiller-Universität (FSU) Jena, forscht seit langem auf diesem Gebiet und untersuchte in einer umfangreichen Studie mit über 300 Hunden aus 32 Rassen die Bewegungsabläufe der Vierbeiner. Heel Vet sprach mit ihm über das spannende Thema.

Heel Vet: Herr Professor Fischer, das Thema Bewegung begleitet Sie seit Langem. Was hat Ihre Begeisterung für dieses Thema geweckt?
Prof. Martin S. Fischer: Stimmt, die Bewegung beschäftigt mich tatsächlich seit über 30 Jahren! Schon als Student fand ich das Fach Anatomie sehr spannend – am liebsten hätte ich jedoch alles gleich in Bewegung gesehen. Was leistet ein Muskel? Wann ist er aktiv? Wie bewegen sich Gelenke? Antworten auf diese Fragen zu finden, hat mich besonders gereizt. Während eines Studienaufenthaltes in Paris kam ich 1981 das erste Mal mit einer uralten Röntgenkinematografie-Anlage in Kontakt. Das darin steckende Potenzial habe ich sofort erkannt. Später habe ich dann längere Zeit an der Universität Tübingen gearbeitet und mit einer moderneren Anlage am Institut für den Wissenschaftlichen Film (IWF) in Göttingen geforscht. Und seit 2006 können wir nun mit einer weltführenden, biplanaren, hochfrequenten Röntgenvideographie-Anlage an der Universität Jena Bewegungen aufzeichnen und auswerten.

Heel Vet: Sie haben Ihre bisherigen Forschungsergebnisse u. a. in dem Buch „Hunde in Bewegung“[1] veröffentlicht. Welche Bedeutung haben diese Ergebnisse für Tierärzte und Tierhalter?
Prof. Martin S. Fischer: Das Buch stellt die Ergebnisse der „Jenaer Studie zur Fortbewegung von Hunden“ vor. In meinem Vorwort dazu findet man den Satz „Wenn das Wissen unzureichend ist, bilden sich Meinungen“. Das ist schon immer meine Überzeugung gewesen. Allerdings habe ich nicht geahnt, wie groß die Wissenslücke tatsächlich ist. Bei unseren Recherchen fanden wir kaum Fachliteratur. Auf die Frage „Wie läuft ein Hund?“ fehlten schlichtweg fundierte Antworten. Nach unserer Studie gibt es jetzt also mehr Wissen und weniger Meinungen.
Damit ein Hund gesund bleibt, muss er frei laufen dürfen. Das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse unserer Arbeit. Hunde, die nur an der Leine oder am Fahrrad geführt werden, belasten ihre Gelenke unzureichend bzw. immer nur an den gleichen Stellen. Ein Hund muss auch mal in die Kurve gehen, springen oder bremsen, damit die Gelenkflächen gleichmäßig belastet werden. Hunde mit wenig Freilauf neigen früher zu degenerativen Gelenkerkrankungen, d. h. zu Arthrose. Das ist ein wichtiges Argument für die Berechtigung von z. B. Freilaufflächen für Hunde in der Stadt!

Heel Vet: Welche Fragestellungen beschäftigen Sie bei Ihrer derzeitigen Forschungsarbeit besonders?
Prof. Martin S. Fischer: Die Resonanz auf das Buch „Hunde in Bewegung“ war überwältigend groß und durchweg positiv. Es gibt aber noch unendlich viele Fragen. Das Beste, was Wissenschaft kann, ist mit jeder Antwort drei neue Fragen aufzuwerfen (lacht). Mit einigen dieser Fragen beschäftigt sich jetzt mein Forschungsteam. Zum ersten Mal machen wir dreidimensionale Gangbildanalysen und eine sogenannte inverse Dynamik beim Hund. In der seit April 2014 laufenden Heel-Studie zur Gelenkdynamik beim Hund erforschen wir, wie sich zum Beispiel der Oberschenkel oder -arm während der normalen Fortbewegung dreht und welche Auswirkungen das auf die Gelenke hat. Der Aufwand ist sehr groß, aber ich kann jetzt schon sagen, es zahlt sich aus. Das, was wir bisher sehen, ist – wie ich finde – elektrisierend!

Heel Vet: Das klingt interessant! Wir sind gespannt auf die Ergebnisse. Gibt es andere offene Fragestellungen, die Sie mit Ihrer Forschungsarbeit beantworten wollen?
Prof. Martin S. Fischer: Parallel zur Hundeforschung leite ich ein sehr großes Projekt zur Fortbewegung von Vögeln. Wir möchten verstehen, wieso die Zweibeinigkeit bei Vögeln ein Erfolgsrezept ist, es aber nur EINE zweibeinige Säugetierart, den Menschen, gibt. In der Evolutionsbiologie gilt die Regel: Je mehr Arten ein Merkmal ausgeprägt haben, desto erfolgreicher ist es. Demnach lautet der Umkehrschluss: Die Zweibeinigkeit beim Säugetier ist es nicht.
Vögel und Fledermäuse im Flug in der Röntgenanlage aufzunehmen wäre ein großer Wunsch von mir. Das ist aber extrem aufwendig und schwierig umzusetzen. Für mich bleibt das wohl ein Traum ...

Heel Vet: Besitzen Sie selbst Haustiere?
Prof. Martin S. Fischer: Seit 17 Jahren haben meine Frau und ich Hunde. Zurzeit lebt Branka mit uns, ein stichelhaariger Vorstehhund. Sie begleitet uns überall hin. Das Schönste für uns ist die Lebensfreude, die Hunde ausstrahlen. Sie können so wunderbar glücklich und fröhlich sein.

  1. Fischer M., Lilje K. (2011). Hunde in Bewegung. VDH Service GmbH und Franckh – Kosmos Verlag, Stuttgart.

Wer mehr über die Ergebnisse der aktuellen Heel-Studie zur Gelenkdynamik beim Hund von Professor Fischer und seinem Team erfahren möchte, kann alles Wissenswerte dazu in seinem neuen Buch nachlesen [Koch D., Fischer M.S. Lahmheitsuntersuchung Hund – Funktionelle Anatomie, Diagnostik und Therapie. Enke Verlag, Stuttgart]. Voraussichtlicher Erscheinungstermin ist Herbst 2015.